Interview mit Melanie Philip „Zukunft der Pflegeausbildung“

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Melanie Philip

 

ist Diplom Gerontologin und geschäftsführende Gesellschafterin der VITA Akademie für Strategie und Vertrieb und führt aktuell 276 Angestellte und FreiberuflerInnen an ca. 35 Standorten in ca. 105 Arbeitsmarktdienstleistungen und ESF Projekten.

Die Zukunft der Pflegeausbildung

Das ESF – Projekt „Weitblick Pflege“ läuft jetzt seit knapp über einem Jahr. In dieser Zeit haben wir bereits drei Netzwerkveranstaltungen erfolgreich durchgeführt und in diesem Rahmen viele spannende Impulse, die unsere Perspektiven auf die Pflegelandschaft erweitert haben, erhalten. Die Netzwerkveranstaltungen bilden eine der insgesamt drei tragenden Säulen im Projekt. Eine weitere stellt die Entwicklung von Teilqualifikationen für Pflegekräfte dar. Hierzu haben im bisherigen Projektverlauf zahlreiche Expertenrunden sowie eine Kreativwerkstatt stattgefunden, in dessen Rahmen wir gemeinsam mit VertreterInnen aus der Praxis Grundvoraussetzungen für das Curriculum erarbeitet haben. Damit diese Weiterqualifizierung auch künftig anerkannt wird, ist es wichtig, die entsprechenden Rahmenbedingungen auf Politik- und Krankenkassenebene auszuhandeln. Hierzu steht unsere Projektleitung und Geschäftsführerin der VITA Akademie, Frau Melanie Philip, im regen Austausch mit verschiedenen zentralen AkteurInnen aus der Politik. Im Interview berichtet sie von den aktuellsten Entwicklungen in punkto Teilqualifikationen.

 

Pflegenotstand mindern, Fachkräfte entlasten – das packt die VITA Akademie mit ihrem Projekt „Weitblick Pflege“ an, das noch bis August 2018 läuft. Gemeinsam mit der Praxis wurde eine Teilqualifikation entwickelt, mit der auch Pflegehilfskräfte große Teile der Behandlungspflege vornehmen dürften. Sie könnte als Grundlage für einen neuen Rahmenvertrag der Nds. Landesverbände dienen. Melanie Philip, Geschäftsführerin der VITA Akademie, hat mit dem Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung über die Zukunft der Pflege gesprochen. Im Interview schildert sie, wie sie u.a. die Karriereentwicklung für Nicht-Fachkräfte verbessern möchte und wie das Ministerium zu den Plänen steht.

 

 

1. Melanie, vor Kurzem hattest du einen Termin im Sozialministerium. Was konntest du dort erreichen?

 

 

Im Sozialministerium konnte ich mit Herrn Schröder, dem Leiter der Abteilung Soziales, Pflege und Arbeitsschutz, und seinem Team über die aktuellen Herausforderungen in der Pflege sprechen. Dabei habe ich unser Projekt „Weitblick Pflege“ vorgestellt. Herzstück des Projekts ist neben den Netzwerkveranstaltungen die von uns entwickelte Teilqualifikation. Deshalb hatte ich zwei wichtige Bitten an das Ministerium.

 

 

2. Welche Bitten waren das?

 

Erstens brauchen wir eine gesonderte Teilqualifikation mit dem Schwerpunktmodul Behandlungspflege. Derzeit lehnen Pflegedienste bis zu 20 Patienten pro Monat ab. Der Grund? Sie haben u.a. nicht genügend Fachkräfte, die eine Behandlungspflege nach SGB V leisten können. Deshalb möchte die VITA Akademie, dass ungelernte Pflegekräfte und Pflegekräfte mit ein bis zwei Jahren Ausbildung qualifiziert werden, damit sie zumindest Teile der Behandlungspflege selbständig durchführen können. Ein ähnliches Modell gibt es in Nordrhein-Westfalen schon. Es wird Zeit, dass auch Niedersachsen die Teilqualifikation anerkennt. Zweitens ist die Kombinationspflege nicht sinnvoll geregelt: HelferInnen dürfen zwar zusammen mit der Grundpflege die Behandlungspflege durchführen – nicht aber ausschließlich die Behandlungspflege. Das ist absurd. Das Sozialministerium prüft nun diese Regelung und weist darauf hin, dass es hierzu in den nächsten Monaten wahrscheinlich geänderte Regelungen geben wird.

 

 

3. Vor ein paar Tagen hast du nochmal mit dem Sozialministerium telefoniert. Was hat das Gespräch ergeben?

 

 

Das Sozialministerium diskutiert aktuell mit der Abteilung SGB V die Kombinationspflege, dass Helferinnen nur zeitgleich mit der Grundpflege Teile der Behandlungspflege durchführen dürfen. Das Ministerium stimmt mit uns überein: Die bisherige Regelung ist nicht mehr zeitgemäß. Auch das Feedback zur Teilqualifikation war sehr positiv. Man möchte die Teilqualifikation bei weiteren Gesprächen berücksichtigen. Diskussionsbedarf besteht jedoch mit den Krankenkassen: Sie sind noch nicht bereit, teilqualifizierte Pflegekräfte, die Fachkraftsaufgaben übernehmen, gleichwertig zu vergüten. Wir finden: Gleiche Arbeit sollte gleich vergütet werden. Dafür setzen wir uns weiter ein. Aber auch hier scheinen Kompromisslösungen aktuell gesucht zu werden. Just erhielt ich eine Mail mit der Information, dass nun ein Treffen zwischen dem Ministerium und den Kassen stattfinden soll und voraussichtlich ein Modellprojekt geplant ist. Das wäre fabelhaft und könnte die Vorhut für eine Aufnahme des Teilqualifikationsgedankens im Rahmenvertrag sein. Wir werden sehen und bleiben dran!

 

 

4. In eurem Ausbildungsmodell gibt es neben der „kleinen“ auch eine „große Teilqualifikation“, die aus mehreren Blöcken besteht. Warum ist die so wichtig?

 

 

Wir brauchen dringend eine Pflegeausbildung, die in Teilqualifikationen aufgeteilt ist. Ähnlich wie in den Industrie- und Handwerksberufen. Nur so können viele Menschen, zum Beispiel Migrantinnen und Migranten, in kleinen Schritten ihre Ausbildung in der Pflege absolvieren. Die Teilqualifikationen ermöglichen Hilfskräften, ihre Karrieren stetig voranzutreiben. Neben der zweijährigen Ausbildung gibt es bislang keine Qualifikation, durch die ungelernte Pflegehilfskräfte ihre Arbeit weiterentwickeln können. Und das obwohl ca. 48 Prozent des Pflegepersonals HelferInnen sind, die sich schon für einen Beruf in der Pflege entschieden haben und einen sehr großen Anteil an der Pflege übernehmen. Dieses große Potential müssen wir nutzen!
Teilqualifikationen sind also ein Schlüssel, um die Pflegeausbildung zu verbessern.

 

 

5. Welche Maßnahmen hast du dem Sozialministerium noch vorgeschlagen?

 

 

Neben den Teilqualifikationen ist es genauso wichtig, den neuen Lehrplan der Pflegeausbildung an den Europäischen Qualifizierungsrahmen anzupassen. Hier gibt es Stufen von eins bis acht. Damit können wir abbilden, wie sich Karrieren in der Pflege entwickeln. Und Ausbildungen besser mit dem Ausland vergleichen. Ich habe gegenüber dem Ministerium betont, dass es ein Riesenfehler wäre, der Empfehlung des Bundes zu folgen: Einfach nur eine dreijährige Ausbildung mit Zwischenprüfung? Das geht an der aktuellen Bedarfslage komplett vorbei und bringt uns weniger Fachkräfte als je zuvor. Jetzt haben wir die Chance, die Ausbildung in der Pflege attraktiver zu gestalten. Wir müssen diejenigen, die schon lange in der Pflege sind, in ihrer Entwicklung fördern.

 

 

6. Zu guter Letzt: Welche Neuigkeiten gibt es denn zur Fachkraftquote?

 

 

Voraussichtlich bis März soll die Personalverordnung geändert werden. Wir hoffen, dass es dadurch zu einer guten Lösung im Zusammenhang mit der Fachkräftequote kommen wird.

 

 

7. Du wirst ja für die nächste Netzwerkveranstaltung das Thema „Professionelle Pflege am Bett vs. Karriere?“ vorstellen. Um was genau geht es?

 

 

Wie der Titel bereits andeutet, wird „Karriere in der Pflege“ häufig automatisch mit einer Entfernung von der eigentlichen Pflege „am Bett“ assoziiert. Demnach kursieren eher Vorstellungen einer vertikalen Karriereentwicklung, insbesondere bei einhergehender Akademisierung. D.h. dass man davon ausgeht, dass Pflegefachkräfte, die sich weiterbilden und ggf. studieren, zwangsweise im Pflegemanagement, in der Pädagogik oder in der Forschung landen. Kritiker der Akademisierung der Pflege mahnen hier sogar an, dass Pläne zur zunehmenden Akademisierung der Pflege den bestehenden Personalmangel in der Pflege noch verschärfen. Auf der anderen Seite sind fachlich hochqualifizierte Pflegekräfte vor dem Hintergrund der wachsenden Zahl multimorbider, chronisch kranker Menschen und der damit einhergehenden zunehmend komplexeren Aufgaben, dringend notwendig. In unserer Netzwerkveranstaltung wollen wir dieses Dilemma aus einer gänzlich neuen Perspektive beleuchten und der Frage nachgehen, was für eine Bildungsspirale die Pflege eigentlich tatsächlich benötigt. Was bedeutet Karriere eigentlich für den Einzelnen und für die Pflege? Welche Kompetenzen benötigt die Pflege? Welche alternativen „Karrieremodelle“ sollen und können in der Pflege abseits der „klassischen Karriereleiter“ sinnvoll sein? Diese Fragen möchten wir am 09. März gemeinsam erarbeiten, um letztendlich Impulse für eine innovative Bildungsspirale in der Pflege herauszufiltern, die dann ja auch wiederum eine Rahmung für die Entwicklung unserer Teilqualifikationen darstellt.



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