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„Führen auf Augenhöhe“ – Interview mit Gaby Benjes

1. Die im August stattfindende Netzwerkveranstaltung unseres Projektes „Weitblick Pflege“, die du ja erneut moderieren wirst, wird den Augenmerk auf das Thema „Führen auf Augenhöhe in der Pflege“ richten. Was verstehst du mit „Führen auf Augenhöhe“?

 

„Für mich bedeutet „Führen auf Augenhöhe“, dass unabhängig vom Thema, alle Beteiligten, unabhängig von ihrer Ausbildung und Hierarchie, sich gleichberechtigt einbringen können. Einbringen in Veränderungsprozesse, Entscheidungen, Entwicklungen von Ideen und dass das Wissen und Potential aller genutzt wird, um eine Lö- sung, eine Veränderung oder ein Thema weiter zu entwickeln oder zu stabilisieren.“

 

 

2. Du bist ja als Beraterin häufig in Pflegeunternehmen unterwegs – was für Unternehmens- und Führungskulturen findest du dort meistens vor?

 

„Ich bin viel in Krankenhäusern und Altenpflegeeinrichtungen unterwegs und in 80% der Fälle finde ich eine Führungskultur wieder, in denen die besagte oder ernannte Führungskraft ihre Führungsrolle als eine reine Fachführungsrolle ansieht. D.h. dass sie ihre Fachkompetenz als Pflegekraft, als Ärztin, als Geschäftsführung oder als Pflegedienstleitung, also in ihrer beruflichen Fachlichkeit wahrnehmen, aber nicht im Sinne von „Personen führen“ / „Menschen führen“. Es ist kein in Beziehung mit Menschen treten und dafür einen Raum und einen Rahmen schaffen, dass sich alle Beteiligten entwickeln können und ihr Bestes einbringen können, was ihnen zur Verfügung steht. In den allermeisten Fällen ist es aber eine Führungskultur, wo die Führungskraft alle einbindet, die Entscheidung aber trotzdem selber trifft, unabhängig von dem was sie gehört hat. Oder aber sich selber in ihrer Roller so unter Druck gesetzt fühlt, von den davor geschalteten Führungsinstanzen, dass sie eigentlich nur noch ein ausführendes Organ ist.“

 

 

3. Warum könnte „Führen auf Augenhöhe“ einen Vorteil insbesondere für Pflegedienstleister darstellen?

 

„Wenn man das gesamte Potential aller Beteiligten (Mitarbeitenden) und die Erfahrungen, welche in der Organisation sind, nutzt, entsteht ein anderes Innovationspotential. D.h. es werden blinde Flecke viel schneller sichtbar und können angegangen werden. Es gibt ein breiteres Spektrum an Möglichkeiten, um wirklich gelingend Veränderungen durchführen zu können. Die Mitarbeitenden kommen wieder in ihre Selbstverantwortung und in ihre Selbstwirksamkeit, welches ein hohes Maß an Motivation hervorrufen kann. Das was ich dazu erlebe ist, dass alle Beteiligten viel zufriedener, viel glücklicher und viel gesünder sind. Die Bindung an das Unternehmen ist danach eine viel größere, da eine ganz andere Identifizierung stattfindet. Wenn das alles wirklich gelingt dann hat es nicht nur auf die Motivation eine Auswirkung, der Krankenstand kann auch dadurch deutlich sinken. Es hat auch darauf Auswirkungen, dass die BewohnerInnen und Angehörigen deutlich zufriedener werden und sogar eine Magnetsituation entstehen kann. Dadurch entstehen auch viel mehr proaktive Anfragen für einen Pflegeplatz und auch einen Arbeitsplatz. Das wirkt nicht nur nach innen, sondern auch nach außen.“

 

 

4. Was sind Beweggründe deiner Klienten, sich nochmals aus einer ganz anderen Perspektive mit Führung auseinanderzusetzen?

 

„Meistens ist es ein Zwang aufgrund einer Krise. Krise in den allermeisten Fällen nicht wirtschaftlich, sondern eher auf der Beziehungsebene. Zum Beispiel Teams, die überhaupt gar nicht mehr miteinander arbeiten können, wo es einfach so viele Konflikte gibt, dass sie arbeitsunfähig sind. Ich arbeite nur partizipativ, d.h. das Wissen aller miteinzubeziehen, unabhängig von ihrer Hierarchieebene. Diese hat für mich in bestimmten Ebenen keine Relevanz. Oder aber von außen, dass Patienten oder Kunden durch unterschiedliche Formen zeigen, dass sie total unzufrieden sind.“

 

 

5. Welche Erfahrungen hast du bereits mit Pflegedienstleistern gemacht, die du mit Blick auf die Haltung „Führen auf Augenhöhe“ berätst?

 

„Meine Erfahrung dazu ist, dass die meisten es im ersten Moment gut und sinnvoll finden, es dann aber nicht wirklich schaffen umzusetzen. Denn es würde bedeuten, sich selber in ihrer eigenen Führungsrolle ganz neu orientieren zu müssen und sich zu hinterfragen. Das fällt den meisten extrem schwer. Denn Veränderungen kosten Zeit, das wird gesehen und erstmal abgeblockt. Ich habe sehr wenige erlebt, die ernsthaft einen wirklichen Wandel durchgemacht haben. Die Struktur des Unternehmens spielt eine große Rolle. Es hängt von den maßgeblich gestalteten Führungskräften ab. Die Entscheidung dafür muss die gestaltende Führungskraft fällen.“

 

 

6. Wie kann man sich solch eine Beratung vorstellen?

 

„Als erstes wird ein Erstgespräch mit dem Auftraggeber geführt. Ich höre mir als aller erstes an, was die Perspektive dieser Person zu diesem Thema ist, um einen allerersten Eindruck zu bekommen. Danach, wenn es optimal läuft, gehe ich hin und sage ihm, dies ist ihre Perspektive. Ich möchte jetzt mit den Menschen, um die es hier geht (z.B. 10 Mitarbeitende), mit jedem eine Stunde lang, ein Interview führen. Ein Einzelinterview, um mir deren Perspektive anzuschauen, um Informationen zu sammeln, um das Feld zu erkunden und um das Thema klarer fassen zu können. Diese Interviews dienen auch dafür, eine erste Entlastung reinzubringen. Den Menschen wird eine Stunde zugehört, sie fühlen sich wertgeschätzt, ernst genommen und haben die Möglichkeit sich zu erleichtern. Diese Interviews teile ich danach mit meinem Auftraggeber, der jeweiligen Führungsebene. Danach auch mit allen anderen, um immer maximale Transparenz herzustellen. Ich extrahiere aus den Interviews die zentralen Themen. Ich sage: „Das sind die Themen, die ICH in den Interviews gehört habe.“ Ich spiegele es in das Unternehmen zurück und nehme dies als Arbeitsgrundlage, um weiter zu arbeiten. Wenn es nicht optimal läuft, gehe ich hin und möchte dann gerne eine Pilotgruppe gründen. Mit dieser Pilotgruppe würde ich zwei Workshops machen (ca. 3-4 Stunden). Hier erarbeiten wir, was die Gesamtorganisation benötigt“

Gaby Benjes

 

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Zur Person:

 

Gaby Benjes ist systemischer Coach, Facilitator und Dipl. Ökotrophologin. Seit 2004 begleitet sie Organisationen aus unterschiedlichster Branchen dabei, Herausforderungen und Wandel aktiv zu gestalten. Von Beginn an gehörten zu ihren Kunden Einrichtung aus dem Gesundheits- und Pflegewesen.

 

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